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3. Aus Tierschutzsicht als bedenklich anzusehende Aspekte der Zucht

Zwangsverpaarung

Begriff: Hobbyzüchter

* Der gebräuchliche Begriff des Hobbyzüchters wird oftmals benutzt, um deutlich zu machen, dass es sich um eine Zucht ohne kommerziellen Hintergrund handelt. Tatsache ist jedoch, dass nahezu jede Zucht in Deutschland nicht ausreichend finanziellen Gewinn abwerfen würde, um als alleiniges Einkommen zu genügen.

Die Zwangsverpaarung ist eine sehr häufig praktizierte Zuchtmethode. Selbst vermeintliche "Hobbyzüchter*" zwangsverpaaren Vögel, um zu sehen, "was dabei herauskommt". Dieses Vorgehen kann im engeren Sinne nicht als Zielzucht angesehen werden, greift jedoch aus tierschutzrechtlicher Sicht bereits in den eigentlichen Balz- und Brutvorgang ein, was nicht unterstützenswert ist.
Wellensittiche - wie die meisten anderen Papageienarten auch - gehen eine feste langlebige Partnerschaft ein. Dabei finden sich die Paare instinktiv – so wird gewährleistet, dass das bestmögliche Genmaterial zusammentrifft und die Nachkommenschaft gesund und überlebensfähig ist. In Gefangenschaft kann oft beobachtet werden, dass sich Tiere, die sich verpaart haben und durch Zwangsverpaarung auseinandergerissen werden, nach der Brutphase wieder vereinen, sobald sie wieder gemeinsam mit dem Schwarm in der Flugvoliere untergebracht werden.

Die Zwangsverpaarung setzt der natürlichen Auslese der Partner ein Ende und stellt andere Bedürfnisse - die des Menschen - in den Vordergrund. Dadurch wird die Gesundheit der nachfolgenden Generationen nachhaltig gestört.
Diese Praxis greift auch empfindlich in den sozialen Kontakt der Vögel ein.

Eingeschränkter Genpool

Leider wird in vielen Zuchten auf "frisches Blut" verzichtet. Zum einen steht die berechtigte Sorge vor eingeschleppten Krankheiten im Raum, zum anderen ist es für die Erhaltung und Planung einer Zielzucht oftmals sehr wichtig, die Ahnenreihe eines Vogels zu kennen. Die Praxis, dass Zielzüchter untereinander Vögel austauschen, trägt nicht zu einer Auffrischung des Genpools bei – da es sich meist um weitere Zuchten aus ebenfalls beschränkten Genpools handelt, unter denen nur immer wieder ausgetauscht wird.
Leider beginnen auch viele "Hobbyzüchter" mit zu wenigen Brutpaaren. Hat man nur 2-5 Brutpaare, so gibt es für die Vögel auf der einen Seite zu wenig Auswahl an potenziellen Partnern, zum anderen beruhen alle Nachkommen auch auf diesen wenigen Brutpaaren. Die Gefahr, dass enge Verwandte sich später zu einem Paar zusammentun (müssen), ist dabei viel zu groß.

Die Evolution und das Tierreich zeigen, dass ein möglichst breitgefächerter Genpool für eine bestmögliche Entwicklung einer Rasse sorgt. Daher sind der Aufbau einer Zucht auf zu geringem Genpool und die Unterlassung des Einsatzes nicht verwandter Vögel aus tierschutzrechtlicher Sicht nicht zuträglich, um die Nachkommenschaft gesund zu erhalten.

Zu frühe Trennung der Küken von den Eltern

Das aus wirtschaftlichen Gründen oft praktizierte zu frühe Trennen von Küken und Elterntieren birgt für die Küken große Risiken. Diese liegen im physischen und psychischen Bereich.
Obwohl ein Küken mit ca. 6 Wochen nahezu futterfest sein sollte, wird es in der Natur noch oft vom Vater beigefüttert. Gerade "Spätzündern" ist somit eine Versorgung mit wichtigen Nährstoffen über leicht verdauliche Nahrung sicher. Mangelernährung, weil nicht komplett futterfeste Küken von den Eltern getrennt werden, können schwere körperliche Unterentwicklungen nach sich ziehen. Oftmals wirkt sich das erst Jahre später aus, wenn die schlecht entwickelten Organe den hinzukommenden Umwelteinflüssen nicht genügend entgegensetzen können und die Tiere mit Organschäden zu kämpfen haben.

Die psychischen Schäden können ungleich größer sein. Den zu früh getrennten Tieren fehlt der notwendige Sozialkontakt zu Eltern und Geschwistern. Sie erliegen sehr oft einer Fehlprägung, die in der Geschlechtsreife zu Frustration und Aggression ausufern kann. Diese richtet sich dann oft gegen den Halter oder sich selbst.

Eine zu frühe Trennung wird in Massenzuchten praktiziert. Hier kommt es oft vor, dass die Küken turnusmäßig abgefangen werden. Das genaue Alter der Küken spielt dabei keine Rolle. Jeder Tag, an dem das Küken die Zucht früher verlässt, bedeutet eine finanzielle Einsparung. Zudem können die Elterntiere früher mit einer neuen Brut anfangen.
In der Hobbyzucht werden sehr junge Vögel gern abgegeben, weil sie als besonders einfach zu zähmen gelten. Die sogenannten "naturzahmen" Küken (junge Tiere fürchten sich noch nicht) wecken die Begehrlichkeit beim Kunden und die falsche Hoffnung, einen zutraulichen Vogel zu erwerben. 

In beiden Fällen treten die Bedürfnisse der Tiere hinter jenen der Menschen zurück. Um mit größerem Gewinn besser verkauft zu werden, wird eine Fehlentwicklung - in körperlicher und sozialer Hinsicht - hingenommen. Dies ist aus tierschutzrechtlicher Sicht nicht nur bedenklich, sondern geradezu verwerflich. Die Langzeitfolgen für das Tier sind unverhältnismäßig grausam und sollten jeden wahren Tierfreund von solchen Praktiken abschrecken.

Handaufzucht

Handaufzucht ist grundsätzlich ein Eingreifen in den natürlichen Zyklus. Daher sind Handaufzuchten aus tierschutzrechtlicher Sicht prinzipiell abzulehnen. Eine Handaufzucht ist nur dann akzeptabel, wenn andernfalls das Leben der/des Küken(s) bedroht wäre.

Handaufzucht liegt zumeist ebenfalls ein finanzielles Interesse zugrunde. Handaufgezogene Küken gelten als besonders menschengeprägt. In Tierparks werden Küken auch gern handaufgezogen, um die Besucher an diesem “Spektakel” teilhaben zu lassen – dies ist leider allzu oft ein Publikumsmagnet.

Die Schädigung des Kükens an Leib und Seele ist identisch mit jenen Folgen, die auftreten, wenn Küken zu früh von den Eltern getrennt werden – nur leider sind sie um ein Vielfaches größer.

Wird eine Handaufzucht durch Ungeübte vorgenommen, birgt sie ein zusätzliches Risiko für die Tiere. Die Kropfkanülen können falsch geführt schlimme Verletzungen bewirken. Auch selbst gebastelte Kanülen und mangelnde Hygiene führen zu Infektionen und Verletzungen. 

Zu häufiges Brüten

Wellensittiche brüten nur dann, wenn die vorhandenen Ressourcen der Natur ein Überleben der Brut ermöglichen. Da dies innerhalb ihres ursprünglichen Lebensraums nicht sehr oft vorkommt, wird die Anzahl der Bruten auf natürliche Weise beschränkt. In Menschenobhut können die genügsamen Vögel leicht zu Dauerbrüten angeregt werden. Dies laugt die Elterntiere aus. Gerade die Hennen sind irgendwann nicht mehr in der Lage, genügend Nährstoffe zur Eibildung zur Verfügung zu stellen. Daher kommt es zu Entwicklungsschäden bei den Küken und zu Mangelerscheinungen bei den Hennen, die ggf. sogar bis zur eigenen todbringenden körperlichen Erschöpfung brüten. Eine solche Massenvermehrung ist aus Tierschutzgründen absolut zu verurteilen und nicht unterstützenswert.

Brüten mit zu alten oder zu jungen Tieren

In beiden Fällen kann es zu oben genannten Schwierigkeiten der Mangelerscheinung bei der Henne kommen und somit zur Schädigung der Küken. Zu alte oder zu junge Tiere können ggf. noch nicht bzw. nicht mehr ausreichend Nährstoffe zur Eibildung bereitstellen. Hennen sollten unbedingt ausgewachsen sein, bevor sie zum ersten Mal zur Brut angesetzt werden.
Bei jungen Hennen kann auch die Unerfahrenheit zu Schwierigkeiten führen. Küken werden abgelehnt, gerupft oder schlimmstenfalls sogar getötet.

Zu wenig Platz/Stapelung der Boxen

Beengte Zuchtverhältnisse sind aus Tierschutzsicht ebenfalls abzulehnen. Nicht nur, dass sich so schneller Krankheiten ausbilden und Bakterien sowie Pilze wachsen können, auch der Stress für die Tiere ist sehr groß.
In der Natur brüten die Wellensittiche zwar in Kolonien, doch haben die einzelnen Bruthöhlen immer einen gewissen Abstand zur nächstgelegenen. Sitzen die Vögel zu dicht aufeinander, entwickeln sie natürlichen Konkurrenzstress, der nicht zuträglich ist.
Ist der Platz so beengt, dass die Boxen sogar ab Boden gestapelt werden müssen, wird der Stress nochmals erhöht, da der Aufenthalt in Bodennähe für die Bruttiere beängstigend und wider ihren Instinkt ist.
Zudem herrscht in Bodennähe ein oftmals erhöhtes Hygieneproblem, sodass die Küken einer größeren Belastung des Immunsystems ausgesetzt sind.

Keine Überwachung durch Tierarzt (Verbreitung von Krankheiten), keine regelmäßigen Labortests

Zuchten sollten dauerhaft und regelmäßig von vogelkundigen Tierärzten betreut werden. Natürlich haben auch Züchter im Laufe der Jahre viele Erfahrungen gesammelt und manche sind sehr interessiert an den neuesten Erkenntnissen der Tiermedizin, doch nur ein vogelkundiger Tierarzt vermag einen Schwarm objektiv zu beurteilen, zu diagnostizieren und zu behandeln. Auch sollte ein Züchter regelmäßige Kontrolluntersuchungen und Labortests durchführen lassen. Da neu hinzugekommene Tiere immer Krankheiten einschleppen können (selbst wenn die Quarantäne eingehalten wurde), muss ein Schwarm hin und wieder überprüft werden. Krankheiten wie Macrorhabdiose oder PBFD müssen optisch nicht erkennbar sein, und die Vögel können trotzdem "stille Träger" sein.
Auch Tiere, die draußen gehalten werden, sollten regelmäßig Parasitenkontrollen unterzogen werden. 

Zucht mit Tieren aus dem Tierschutz

Obwohl das Brüten an sich ein natürlicher Trieb ist und durchaus zur naturnahen Haltung gezählt werden könnte, ist das aus tierschutzrechtlicher Sicht immer kritisch zu betrachten. Solange die Tierschutzorganisationen und die Internetforen voll mit Abgabetieren sind, ist eine Nachproduktion von Tieren für die Bemühungen der Tierschutzvereine eher kontraproduktiv. Daher beinhalten die Schutzverträge der meisten Tierschutzorganisationen auch einen Passus, der das Brüten mit diesen Tieren untersagt. Dies hat demnach zum einen "moralische" Gründe, zum anderen jedoch auch den Schutz der Nachzuchten im Auge. Bei Tierschutztieren ist die Herkunft oft unklar und nicht lückenlos zu verfolgen. Selbst bei beringten Tieren weiß man nicht, ob es sich um Originalringe handelt oder nachberingt wurde. Tiere, die evtl. entflogen waren, hatten womöglich Kontakt zu Wildtieren oder anderen Heimvögeln. 
Viele Tierschutztiere kommen aus Notfällen. Mit Tieren, die schlecht gehalten wurden, sollte grundsätzlich nicht gezüchtet werden, da die körperliche Verfassung solcher Tiere schlecht einzuschätzen ist und es zu gesundheitlichen Problemen bei den Nachzuchten kommen kann.
Kontakte, unbekannte Herkunft und Alter bergen für jede verantwortungsvolle Zucht große Risiken. Daher sollten Zuchten, die ohne weitere Bedenken mit Tierschutztieren züchten, aus Tierschutzsicht sehr kritisch betrachtet werden.

Kellerzucht

Wellensittiche sind Vögel – sie sind auf Licht, Weite und “Himmel” angewiesen. Dies ist ihr natürlicher Lebensraum. Physisch benötigen sie UV-Licht, um Calcium in den Knochen einzulagern. Daher sind Zuchten, die ihre Tiere grundsätzlich ohne Tageslicht halten, ebenfalls kritisch zu hinterfragen. 
Zwar gibt es im Handel so genannte Vogellampen, die die körperlichen Defizite des UV-Mangels ausgleichen könnten. Doch funktioniert dies nur bei kontinuierlicher Bestrahlung durch Lampen, die sich in direkter Nähe zum Tier befinden, da die meisten Lampen bereits nach 60 cm Entfernung kaum noch wirken.
Ein Mangel an UV-Licht kann somit sehr negative Folgen auf die Entwicklung der Eier und des Knochenskeletts der Küken haben. Aus Tierschutzsicht sind solche Zuchtumstände als nachteilig für die Nachzuchten und nicht artgerecht anzusehen.

 

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